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Mission Kosovo – Oktober 2014 / Teil 2

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Vom 01.-05. Oktober 2014 bereisten wir im Rahmen einer Hilfsmission der European Solidarity Front for Kosovo (ESFK) zum ersten Mal Kosovo und Metochien. Während unseres Besuches trafen wir Familien, Kinder und einfache Menschen, deren Schicksal uns tief beeindruckte. Der folgende Artikel eines unserer Aktivisten verdeutlicht metaphorisch dessen Eindrücke und versucht so ein Bild zu zeichnen, unter welchen Umständen die Serben im Kosovo heute leben.

Das letzte Kind von Prizren

Sonnabend, 4. Oktober. Schon zeitig sind wir aufgebrochen. Auf den Straßen das immer wiederkehrende Bild. Unter den von serbischen Ortsnamen befreiten Straßenschildern bieten Bauern die Früchte ihrer Feldarbeit feil. Kürbisse, Zwiebeln, große Säcke mit rotem und gelbem Spitzpaprika. Immer wieder erblicke ich militärische Fahrzeuge der KFOR-Truppen, die mich unweigerlich an die aktuelle Situation im Kosovo erinnern und mir augenblicklich Familie Šapić und das Lachen der Schulkinder aus Orahovac ins Gedächtnis rufen. Mein Blick schweift in die Ferne und taucht ein in die wunderschöne Naturlandschaft des Kosovo. Karg bewachsene Hügel und hohe, dicht bewaldete Berge wechseln einander mit schroffen Felskanten ab. An den schattigen Hängen drängen sich dicht die bunten Dächer kleiner Dörfer. Wir sind unterwegs nach Prizren, einer in der serbischen Geschichte bedeutenden Stadt am südlichen Zipfel des Kosovo, unweit der mazedonischen und albanischen Grenze. Als Zentrum der serbisch-orthodoxen Kirche war Prizren über Jahrhunderte hinweg die größte Stadt des Landes und wuchs zu einer Handelsmetropole heran, die in ihrer Blütezeit selbst Händler aus Mitteleuropa anzog. Zu den wichtigsten touristischen Sehenswürdigkeiten gehören heute unter anderem die von Dušan dem Mächtigen im 14. Jahrhundert erbaute Festung oder die Sinan-Pascha-Moschee. Das 1615 aus den Resten des im Zuge der osmanischen Expansion 1455 zerstörten Erzengelklosters erbaute Gotteshaus soll über das höchste Minarett des Balkans verfügen.

Der Dacia hält mitten im Zentrum. Die Zeit bis zu unserem Treffen mit der kleinen Milica Djordjević und ihrer Mutter Evica nutze ich, um mich ein wenig umzusehen. Unweit des Flusses Prizrenska Bistrica, den eine alte osmanische Steinbrücke aus dem 15. Jahrhundert überspannt, finde ich einen polierten Granitblock, gesäumt von zwei albanischen Flaggen. Gewidmet ist der Stein Rrust Kabashi, einem albanischen Kämpfer, der im Jahr des Ausbruchs eines bewaffneten Aufstandes gegen die osmanische Okkupation, 1910, gefallen war. Trotz der kurzen Zeit, welche ich nun mit meinen tschechischen Freunden im Kosovo unterwegs bin, habe ich mich erstaunlich schnell an die Eigenart der vielen albanischen und us-amerikanischen Fahnen, aber auch die schier unfassbare Zahl der UÇK-Denkmäler gewöhnt. Eine politische Bewertung der Situation verbietet sich mir als Außenstehendem ohnehin, weshalb ich solches bereits im Vorfeld nicht als Grundlage meiner Entscheidung für oder wider diese Reise herangezogen hatte. Die Fakten jedoch, die ich hier mit eigenen Augen über das Leben der Serben in der heutigen Republik Kosovo sehe, sprechen auf ganz eigene Weise für sich selbst.

Ein Leben wie das der 8-jährigen Milica Djordjević. Wir treffen das kleine Mädchen und ihre Mutter Evica vor der Kapelle des Heiligen Georg. Unschuldig und mit großer Neugier sind die Augen dieser reinen Kinderseele auf uns gerichtet. Wir begrüßen uns herzlich und übergeben auch Milica ein Päckchen mit Schulmaterial und kleinen Überraschungen. Darüber hinaus eine Geldspende an ihre Mutter. Mit ihnen ist auch der 84-jährige „Großvater“ Adam gekommen, ein Gorane aus Prizren, der beschlossen hatte den beiden zu helfen, als er von ihrer Geschichte hörte. „Großvater Adam ist unser Schutzengel“, sagt Evica Djordjević und beginnt, uns ihre Geschichte zu erzählen. Vier ihrer nahen Verwandten wurden während des Kosovokrieges getötet. Sie selbst wurde 1999 von UÇK-Milizen schikaniert, bedroht und geschlagen. Zeiten voller Angst, welche sie bis heute nicht loslässt, erklärt Evica, die als Absolventin der Fakultät für Kunst, heute von 55,- Euro im Monat lebt. Eine Arbeit findet sie nicht. Der muslimisch-gläubige Adam, der angesichts des Milica und ihrer Mutter zuteil gewordenen Unrechts auch den serbisch-orthodoxen Glauben angenommen hat, unterstützt sie so gut er kann. Die drei sind jetzt eine Familie. Seine Begleitung schützt Mutter und Kind vor möglichen Übergriffen, denn als alter Moslem genießt Adam in der Stadt einen gewissen Respekt – eine Art Lebensversicherung. „Was wird sein, wenn der Alte nicht mehr ist?“ denke ich, während Lenka, das Mädel aus unserer Gruppe, weiter für mich übersetzt. Die albanische Schule in der Nähe ihrer Wohnung kann die kleine Milica nicht besuchen. Für sie wurde ein kleines Zimmer im Kirchenkomplex eingerichtet, wo sie täglich von einem serbischen Lehrer unterrichtet wird. Der winzige Raum, in dem Schulbank, Stuhl und Tisch stehen, ist formal eine Außenstelle der OŠ Dositej Obradović“ in Orahovac. Eben jener Schule die wir am Vortag besucht hatten. Milica, die erst vor ein paar Jahren zum ersten Mal die Wohnung verlassen hatte, hat keine Spielkameraden. “Ihr bester Freund”, so sagt Evica, “ist Großvater Adam”. Unterschiedlichen Quellen zufolge lebten vor 1999 mehr als 10.000 Serben in Prizren. Laut Angaben des kosovarischen Amtes für Statistik, so ein Papier der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, lebten 2011 in der gesamten Gemeinde Prizren lediglich 237 Serben. In der Stadt selbst sind es heute nur noch 20. Die kleine Milica Djordjević, das tapfere 8-jährige Mädchen, ist das letzte serbische Kind von Prizren!

Gemeinsam machen wir einen kleinen Spaziergang zur Kirche Bogorodica Ljeviška, der serbisch-orthodoxen Zentralkirche der Stadt. Während der schweren Ausschreitungen und Übergriffe gegen die serbische Minderheit im Kosovo im März 2004, wurde die Kirche von albanischen Extremisten angezündet und schwer beschädigt. Heute steht sie auf der roten Liste des gefährdeten Welterbes. Insgesamt 150 Kirchen wurden seit 1999 beschädigt, niedergebrannt oder vollkommen zerstört. Stacheldraht krönt den Zaun vor dem Gebäude, welches durch einen Posten der kosovarischen Polizei bewacht wird. Hier müssen wir auch den Schlüssel erbitten, wollen wir ins Innere der Kirche treten. Ich stehe im äußeren Bogengang und blicke nach oben. Die Fresken sind zerschlagen. Auch die Malereien in der Kirche sind durch das Feuer stark beschädigt, besser gesagt so gut wie nicht mehr vorhanden. Ich steige eine knarrige Holztreppe hinauf und schaue hinunter in den kahlen Kirchenraum. Die eindrucksvollen Kirchen aus Sremska Mitrovica und dem Kloster Visoki Dečani vor Augen, wird mir in diesem Moment das Ausmaß der Zerstörung erst vollends bewusst.

Nach einer Weile verlassen wir die Kirche Bogorodica Ljeviška wieder und begeben uns zurück ins Zentrum. Es ist Zeit Abschied zu nehmen. Leb wohl, tapfere Milica! Wir werden dich nicht vergessen!

Bei den Goranen

Weiter geht unsere Fahrt. In schnellem Tempo verlassen wir das Tal am Fuße des Šar Planina Gebirgszuges. Immer höher winden sich die Straßen und geben einen atemberaubenden Blick auf die bezaubernd schöne Bergwelt des südlichen Kosovo frei. Wir sind auf dem Weg zu den Goranen, einem autochthonen Volk muslimischen Glaubens, welches hauptsächlich im Süden des Kosovo lebt. Als anerkannte Minderheit sind sie auch im kosovarischen Parlament vertreten. Diese Zusammenkunft ist für uns, völlig abseits unserer ganz persönlichen und oft subjektiven Einstellungen zum Thema Religion, etwas ganz Besonderes. Nicht genug, dass wir hier den Vertretern einer aussterbenden Volksgruppe begegnen, haben sich diese Menschen trotz des höchsten Festes im islamischen Jahreskreis, dem Opferfest Kurban Bayrami welches sie in diesen Tagen begehen, die Zeit für ein Treffen mit uns genommen.

Es ist etwa 14.00 Uhr, als wir uns auf einer etwa 1500 Meter hohen Bergspitze mit dem Bürgermeister der Gemeinde Gora, sowie dem Mitglied des Parlamentes Adem Hodza, treffen. Gemeinsam fahren wir in das nahe gelegene Dorf Brod, dem letzten Ort vor der etwa 3,5 Kilometer Luftlinie entfernten Grenze zu Mazedonien. In einem Straßencafé setzen wir uns nieder. Schnell entwickelt sich ein Gespräch über die Situation der Goranci, wie sie sich selbst nennen. Im Gegensatz zu den großen Städten, wo sich einige der dort lebenden Goranen den aktuellen politischen Gegebenheiten angepasst haben, bekennen sich die Bewohner der etwa 19 goranischen Bergdörfer zu ihren serbischen Wurzeln. So wird beispielsweise auch der Schulunterricht nach serbischem Lehrplan durchgeführt. Wie fast alle ethnischen Minderheiten im Kosovo, sehen sich auch die Goranci mit Repressionen konfrontiert. Die Regierung des Kosovo ist bestrebt, den Goranen das Recht auf eine eigene Verwaltung zu entziehen und ihre Identität zu vernichten. Die Hoffnung und Bereitschaft auf eine friedliche Koexistenz aber, so erklären uns unsere Gastgeber, haben sie nicht verloren.

Laut einem Artikel des Autors Thomas Schmidinger aus dem Jahr 2008, lebten bei einer 1991 durchgeführten Volkszählung noch 16.000 Goranen im Kosovo. Genaue Angaben über die Zahl der weltweit noch lebenden Volksangehörigen sind nicht existent. Man geht jedoch nach unterschiedlichen Schätzungen heute von noch etwa 20.000 Goranen aus. Wir gehen noch ein Stück durch das Dorf. Bei den letzten Häusern, dort wo sich die kleine schmale Straße gabelt, stoppen wir für ein letztes Abschiedsfoto. Kurz darauf sind wir wieder auf dem Weg zu unserem Quartier in Velika Hoca. So endet ein weiterer erlebnisreicher Tag unserer humanitären Hilfsmission in Kosovo und Metochien. Ich werde Wochen brauchen, um all die Eindrücke, all das Erlebte einzuordnen und zu verarbeiten.

Der letzte Einsatz

Sonntag, der Tag unserer Abreise. Wir packen unsere Taschen und fast greifbar liegt ein Hauch von Wehmut in der Luft. Ein letzter Blick – Nichts vergessen… Langsam, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, steigen wir die Treppe von unserem Quartier hinunter in den kleinen Garten. Wir begleichen die Rechnung bei unserer Wirtin, die mit uns durch das eiserne Tor hinaus auf die Straße tritt. Doch bevor wir aufbrechen, besuchen wir noch eine weitere hilfsbedürftige Familie, hier in Velika Hoca. Es wird der letzte Einsatz unserer Mission sein.

Langsam rollt der Dacia über die holprige Dorfstraße. Vorweg geht unsere Wirtin, die den Weg weist. Wir halten vor einer alten, ausgebesserten Bruchsteinmauer. Ein altes Holztor gibt den Weg in den Hof vor dem Haus frei. Die junge Familie die hier lebt, erwartet ihr zweites Kind. Gemeinsam laden wir Spielsachen, Kinderkleidung, eine Babyschale, Decken, Desinfektionsmittel und noch einige andere Dinge aus dem Auto und tragen sie in das Haus, wo uns die schwangere Frau mit ihrem kleinen Sohn empfängt. Etwas schüchtern schaut der Junge auf die vielen fremden Menschen, die sich nun dicht an dicht in der schmalen Küche drängen. Während Jiří den Grund unseres Besuches erklärt und unser Freund Jan alles ins Serbische übersetzt, kramt Matej ein kleines rotes Spielzeugauto hervor. Die spontane Geste lockert spürbar die Zurückhaltung des Jungen, dem das unerwartete Geschenk ein Lächeln auf sein zierliches Gesicht zaubert. Nach einem Erinnerungsfoto werden wir in die Wohnstube gebeten.

Mit Lenka und Matej nehme ich auf dem Sofa Platz, während sich Jan, Jiří und Ladislav an den Tisch gegenüber setzen. Neben mir, auf einem Stuhl, sitzt Tomáš. Nun sind wir komplett. Meine Augen wandern durch den kleinen mit Holz ausgekleideten Raum. Auf einem Schränkchen stehen Heiligenbilder, in der Ecke ein kleiner Ofen. Der Familienvater greift einen Schemel und setzt sich zu uns. Die Frauen bringen selbstgemachten Wein und Raki. Die Uhr zeigt erst viertel nach Neun, doch die unvergleichliche Gastfreundschaft der Balkanvölker richtet sich nicht nach der Uhrzeit. „Vielleicht hilft es, den Abschiedsschmerz ein wenig zu lindern“, kommt es mir in den Sinn, während ich gleichzeitig auf Matej achte, der mir übersetzt was der Familienvater zu berichten hat. Er erzählt uns von der Zeit vor dem Krieg, als viele Serben hier in Velika Hoca noch Arbeit in der großen Weinkelterei fanden. Heute sei es um ein Vielfaches schwerer. Oft besteht die einzige Möglichkeit nur darin, die Heimat zu verlassen um anderswo eine Arbeit zu finden. Er selbst lehnt das allerdings ab, so der Mann, der lieber bei seiner Frau und der Familie bleiben will.

Wir treten wieder auf den Hof. Unter einem Vordach trocknen weiße Bohnen, eine Zutat für viele traditionelle serbische Gerichte. Zum Abschied bringt man Flaschen mit hausgemachtem Rotwein, eine für jeden von uns. Durch das kleine Holztor treten wir wieder auf die Straße. Eine letzte Umarmung, ein letzter Blick über die Dächer von Velika Hoca, dann steigen wir in das Auto. Noch lange winken wir der Familie, bis sie am Horizont unseren Augen entschwindet. Der Moment des Abschieds ist gekommen. Unausweichlich.

Gazimestan und Amselfeld

Mit jeder Minute wächst die Entfernung zwischen uns und dem Dörfchen Velika Hoca, das uns in den letzten Tagen Heimat war. Es ist ungewöhnlich still im Dacia geworden, der nun wieder über die holprigen Straßen zurück nach Norden rollt. Jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, schauen wir aus dem Fenster. Die Welt scheint an uns vorüber zu fliegen. Die Bauern am Straßenrand mit ihren Zweiradtraktoren, wie sie ihre Feldfrüchte anbieten. Die dicht bewaldeten Berge am Horizont, an deren Füßen sich die bunten Dächer kleiner Dörfer Schutz suchend anschmiegen. Die weiten Felder, Rinder und Schafe die scheinbar ungestört und unbeobachtet umherziehen.

Es ist noch nicht viel Zeit vergangen, als sich in der Ferne ein großer Turm vom Horizont abhebt. Es ist die Gedenkstätte Gazimestan auf dem Amselfeld, letzte Station unserer Reise durch Kosovo und Metochien. Wie die Kirche Bogorodica Ljeviška in Prizren und viele andere serbische Kulturgüter, fiel auch die 1953 errichtete Gazimestan der Zerstörung durch Angehörige der paramilitärischen UÇK zum Opfer. Herausgeschlagene Inschriften und der gesprengte, inzwischen jedoch wieder instandgesetzte Aufgang zum Turm sind bis heute traurige Zeugen der Übergriffe auf die serbische Bevölkerung und ihre Kultur im Kosovo. Wieder heißt es Passkontrolle, bevor wir das weitläufig umzäunte Gelände betreten können. Es ist ein schöner Tag. Die Sonne sendet ihre warmen Strahlen und erwärmt langsam den kühlen Stein der einem mittelalterlichen Turm nachempfundenen Anlage, während direkt neben dem Wachposten eine Streunerin damit beschäftigt ist, die Schar ihrer kleinen Welpen zusammen zu halten.

Langsam erklimmen wir die vielen Stufen bis ganz hinauf zur Spitze des Turmes, auf dessen Plattform wir uns wenig später wiederfinden. Das ist es also, das berühmte Amselfeld. Zumindest ein kleiner Ausschnitt dieses 84 km langen tektonischen Beckens, das mit seinen 7547 km² etwa siebzig Prozent der Fläche des gesamten Kosovo einnimmt. Es muss ein gewaltiger Anblick gewesen sein, als sich 1389 hier auf diesen Feldern das serbische Koalitionsheer unter Führung von Fürst Lazar Hrebeljanović und die osmanische Streitmacht unter Sultan Murad I. gegenüber standen. Eine an der Brüstung angebrachte Bronzetafel zeigt Aufstellung und Bewegungen der beiden großen Heere. Trotz aller Mühe fällt es uns schwer, das Ausmaß der Schlacht auf dem Amselfeld vor dem geistigen Auge zu erfassen, die letztendlich in einer über mehrere Jahrhunderte andauernden Besatzung durch das osmanische Reich mündete. Noch eine ganze Weile schauen wir uns um, lassen die Weite und Schönheit des Landes auf uns wirken bevor wir, nach den obligatorischen Erinnerungsfotos, wieder hinabsteigen.

Freundlich verabschiedet uns der Wachposten am Eingang und beinahe zwangsläufig, der unausweichlichen Logik des biologischen Kindchenschemas folgend, müssen auch noch einmal die kleinen Hundewelpen begutachtet werden, bevor es weiter geht in Richtung Grenze. Ein letztes Mal passieren wir den Kontrollpunkt der KFOR in Kosovska Mitrovica. Ein letztes Mal für dieses Jahr. Denn den Entschluss, wieder in dieses Land zurück zu kehren, tragen wir alle bereits tief in unseren Herzen. Dort, wo wir auch die Erinnerungen an die Menschen und ihre Geschichten für alle Zukunft bewahren. Menschen wie die kleine tapfere achtjährige Milica Djordjević aus Prizren, Valentina Šapić und ihre vier Kinder, die Englischlehrerin Johanna, Direktorin Susanna Milicevic, die Schulkinder aus Orahovac und all die anderen, deren Schicksal sich auf wunderbare Weise nun untrennbar mit unserem Leben verbunden hat.

Noch einmal stoppt der Dacia. Nur wenige Kilometer trennen uns noch vom Grenzübergang, der den Kosovo so kühl und scheinbar unabänderlich vom serbischen Mutterland abschneidet. Wir stehen unter der großen Tafel mit der Aufschrift „This is Serbia!“, welche uns schon bei unserer Ankunft aufgefallen war. Wir betrachten eine Weile den Text in serbischer und englischer Sprache, während sich in Gedanken all das Erlebte wie ein Film abspult. Ein letztes Erinnerungsfoto und kaum eine halbe Stunde später finden wir uns in Serbien wieder, nachdem der übertrieben nette EULEX-Mitarbeiter mit blauer Armbinde und weißer Aufschrift „EU-Police“ unsere Pässe kontrolliert und abgestempelt hat. Irgendwann in der Dunkelheit endet unsere Fahrt. In einem kleinen Hotel nehmen wir Quartier. Es ist die letzte Nacht vor unserer Rückkehr nach Beograd.

Tekeriš und die Schlacht am Jadar

Montag, 6. Oktober. Nach einem ausgiebigen Frühstück verstauen wir unsere Sachen im Auto und brechen auf. Gut gestärkt geht es auf die letzte Etappe zurück in die serbische Hauptstadt. Auf unserem Weg statten wir dem kleinen Dorf Tekeriš einen Besuch ab, wo neben einem großen Denkmal auch ein kleines Museum an die Schlacht am Jadar erinnert. Die Schlacht, welche mit einem Sieg der serbischen Streitkräfte über die österreichisch-ungarische Armee endete, ereignete sich während der ersten Offensive Österreich-Ungarns gegen Serbien im Ersten Weltkrieg. Die denkbar unpopuläre Niederlage der hochgerüsteten kaiserlich und königlichen Armee gegen das von den Balkankriegen noch geschwächte Serbien wurde publizistisch weitestgehend ignoriert, weshalb die auch als Schlacht von Cer bezeichnete Auseinandersetzung im deutschsprachigen Raum eher unbekannt geblieben ist.

Wir steigen aus dem Auto. Noch etwas müde blinzele ich in die Sonne, die durch die Bäume auf das Gelände direkt am Straßenrand scheint. Jiří und Matej holen einen großen Kranz aus dem Kofferraum. Die Schleife in den Farben blau, weiß und rot flattert im lauen Wind. Jiří, der meinen wohl etwas fragenden Blick bemerkt, erklärt: „Als der erste Weltkrieg ausbrach, mussten auch tschechische Männer unter österreichisch-ungarische Flagge dienen. Doch viele von ihnen weigerten sich, gegen andere slawische Nationen zu kämpfen. Sie legten die Waffen nieder. Einige wurden als Deserteure erschossen, andere kämpften später an der Seite Serbiens. Auch diesen Männern gilt dieses Denkmal.“ Schon schreiten wir durch das kleine Tor und betreten das Häuschen, in dem eine große schlanke Frau verschiedene Souvenirs anbietet. Sie begrüßt uns freundlich und begleitet uns zu dem großen Gedenkstein, wo der Kranz niedergelegt wird. Anschließend führt die nette Dame durch das kleine Museum, vor dessen Eingang mehrere Büsten bedeutender serbischer Militärs aufgestellt sind. Die vielen Informationstafeln und Ausstellungsstücke im Inneren verschaffen einen Eindruck über Ausrüstung, Truppenstärke und Verlauf der Schlacht.

Zurück in Beograd

Gegen Mittag erreichen wir wieder die Hauptstadt. Teša, mein serbischer Begleiter, nimmt mich in Empfang. Für einen großen Abschied von meinen tschechischen Freunden bleibt keine Zeit. Sie müssen zurück in ihre Heimat, wo sie am nächsten Morgen wieder ihr Tagwerk ruft. Eine herzliche Umarmung und die Zustimmung, dass all die Erlebnisse welche wir in den vergangenen Tagen miteinander teilen durften etwas Großartiges sind. Kurz darauf ist der Dacia im Verkehr der Hauptstadt verschwunden.

Nachdem wir mein Gepäck untergestellt haben, führt Teša mich hinauf zur Festung. Die Anfang des 15. Jahrhunderts erbaute, später durch moderne Bastionen erweiterte Anlage bildete einst den historischen Kern von Beograd. Die mächtigen Tore, Türme, Wälle und Bastionen zählen heute ebenso zu den Sehenswürdigkeiten, wie die zwei Kirchen und das Militärmuseum im Inneren der Festung, auf deren Vorfeld sich heute weitläufige Parkanlagen, sowie der Zoo befinden.

Die Ausstellung innerhalb der dicken Festungsmauern ist wohl eine Freude für jeden militärhistorisch Begeisterten. In einer Art großem Freilichtmuseum reihen sich deutsche Sturmgeschütze und Haubitzen an sowjetische Mehrfachraketenwerfer Katjuscha, Panzerkampfwagen T-34, Seeminen, Flugabwehrgeschütze und allerlei anderes Kriegsgerät. Ein Blick auf das nächtliche Beograd das sich, zerschnitten vom breiten Flusslauf der Donau, in all seiner Schönheit vor uns ausbreitet, beschließt den ausführlichen Festungsrundgang. Ein letztes Mal lassen wir den Abend mit vielen Gesprächen in einer der unzähligen Gastwirtschaften ausklingen. Morgen wird der Tag des Abschiedes sein.

Abschied

Nach einer viel zu kurzen Nacht sitze ich nun ein einem Beograder Hinterhof und warte auf Teša, der noch die letzten Dinge aus seiner kleinen Wohnung holt. Eine Frau im Morgenmantel schlurft über den kalten Beton und betrachtet etwas missmutig den auf der kleinen Treppe sitzenden Fremden. Es ist Dienstagmorgen. Noch verdeckt ein grauer Wolkenschleier die Sonne und taucht den erwachenden Tag in ein fahles Licht. Katzen erklettern die Bäume des kleinen Hofes, jagen sich spielend über kleine Vordächer und Mauerkronen.

Auf meinen Wunsch hin besuchen wir vor meiner Abreise den Fernsehturm auf dem 511 Meter hohen Avala-Berg. Auf der Bergspitze erhebt sich auch das 1938 errichtete Denkmal des unbekannten Soldaten, das den serbischen Helden aus dem Ersten Weltkrieg gewidmet ist. Der Fernsehturm, der mit einer Höhe von 204,68 Metern knapp zwei Meter länger ist als sein baugleicher, am 29. April 1999 bei den Luftschlägen der NATO zerstörter Vorgänger, wurde erst im April 2010 wieder eröffnet. An die Zerstörung erinnern die in den Trümmern gefundenen und heute neben dem Ticketschalter ausgestellten Fragmente der alten bronzenen Namenstafel. Für umgerechnet etwa 1,70 Euro trägt uns der Fahrstuhl mit drei Metern in der Sekunde auf die Aussichtsplattform in etwa 120 Metern Höhe. Ein unheimlicher Wind pfeift durch die Panoramascheiben, die nach oben lediglich mit einem Gitter begrenzt und auf Höhe des Fußbodens einen Spalt offen sind. Dichter Wald, weite Felder, Bergketten am Horizont und zu unseren Füßen Beograd. Ich genieße den 360°-Blick, während mir meine Begleiter verschiedene Dinge genauer erläutern. Ein Blick auf die Uhr, die Zeit zum Aufbruch ist gekommen. Fast schon über Gebühr habe ich jede verbleibende Minute in Anspruch genommen. Wieder auf dem Parkplatz vor dem Fernsehturm, machen wir uns unverzüglich auf den Weg zum Flughafen, wo sich zuerst Teša, dann mein zweiter Begleiter Novak mit einer festen Umarmung von mir verabschieden.

Nun stand ich wieder da, am Nikola-Tesla-Aerodrom in Belgrad, fertig zum Heimflug, doch längst nicht bereit dafür. Was ich vor meiner Abreise von der Mission erwartete, lässt sich mit einem Wort festhalten: Nichts! Was ich bekam, war mehr als ich zu hoffen gewagt hatte. Nicht nur eine gute Zeit mit Freunden aus der Tschechischen Republik oder das Kennenlernen neuer Leute in Serbien. Die Menschen im Kosovo, in besonderem Maße die Kinder, haben mir mit ihrem Mut, ihrem Glauben und ihrer Hoffnung, die sie angesichts ihrer schwierigen Lage dennoch nicht verloren haben, Kraft gegeben. Sie haben mich daran erinnert, dass das Glück in den kleinen Dingen des Lebens liegt. Es liegt im Hort der Familie, im Zusammenhalt, in gegenseitiger Fürsorge einer fest gefügten Gemeinschaft – nicht im Materialismus einer vermeintlichen Wertgemeinschaft moderner westlicher Prägung. Erkenntnisse, die vielen meiner Landsleute, aber auch vielen politischen Aktivisten, welche seit mehr als 12 Jahren meinen Weg begleiten, verloren gegangen zu sein scheinen.

Mit Verspätung erreiche ich am Abend Dresden. Am kommenden Tag ruft wieder die Arbeit. Viel zu schnell ist die Nacht vorüber. Wie selbstverständlich schwinge ich mich auf mein Fahrrad und gleite lautlos durch den lauen Wind eines erwachenden Tages. Alles ist wie immer und doch ist nichts mehr wie es war.

Ende

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